Zur ökonomischen Sicht von Gleichheit

Rainer Bartel

Abstract


Ökonomik fällt durch ihren Grundvorbehalt gegen Gleichheit der Verteilungsergebnisse auf, zumal Belohnung für erwünschtes Verhalten systemnotwendig erscheint. Denn perfekte Anreize legen Verantwortlichkeiten fest und schützen Transfergeber_innen vor relativer Deprivation. Extrinsische Motivation für Leistung auf dem Markt setzt somit Ungleichheit voraus; andererseits kann selbst bei vollkommenem Wettbewerb die Verteilung stark polarisiert und die Gesellschaft dadurch schlechtergestellt sein: ein Dilemma. Eine dogmatische Rückschau auf ökonomische und benachbarte Denkschulen beleuchtet sehr unterschiedliche Verteilungssichtweisen: eine Tendenz zur Nivellierung der Verteilung oder einen Automatismus zur Herstellung von Leistungsgerechtigkeit, die Möglichkeit zum Reicherwerden auf Grund einer bestimmten Klassenzugehörigkeit, die Ächtung reiner Besitzeinkünfte, die Hoffnung auf Wachstum, das ohne aktive Umverteilung größere Gleichheit mit sich bringt, gleicher machende staatliche Umverteilung als Freiheitseinschränkung oder als Schaffung von Freiheit im Sinn von Gleichberechtigung, Ermöglichung und Risikominimierung. Gleichheit im Verteilungsergebnis passt nicht in unser Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept; vielmehr ist der Weg das Ziel. Die Aufgabe der Ökonomik liegt darin, die sozialökonomischen Folgen einer Verteilung empirisch aufzuzeigen und in naheliegende Systemtheorien einzuarbeiten. Lobbyistische Politik verschließt die Augen vor jener Chancengerechtigkeit, welche die mainstream-Ökonomik mehr oder weniger stillschweigend voraussetzt, aber stärker beforschen sollte. Eine merkliche Politikänderung würde eine wesentlich andere Kultur der politischen Kommunikation und strategischen Vorgangsweise verlangen.

Schlagworte


Gleichheit; ökonomische Anreize; Umverteilung; soziale Wohlfahrt

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DOI: https://doi.org/10.15203/momentumquarterly.vol1.no1.p57-74

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